Gesunde Arbeit in Pionierbranchen
Das RKW Kompetenzzentrum ist Transferpartner in dem Forschungsprojekt ?Gesunde Arbeit in Pionierbranchen? (GAP). Ziel dieses Projekts ist es, angesichts der technologischen Herausforderungen von Industrie 4.0 Handlungsbedarf im Arbeits- und Gesundheitsschutz zu erkennen und Praxisinstrumente f?r gesunde Arbeit zu entwickeln und zu erproben.
Beteiligt sind neben der Friedrich-Schiller-Universit?t Jena, die Technische Universit?t Dresden, die Universit?t Greifswald und die Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Als Industriepartner sind die Technologienetzwerke "OptoNet" und "Silicon Saxony" sowie die Unternehmen Pr?zisionsoptik Gera (POG) und Fabmatics im Forschungsverbund t?tig.
Das Jenaer Forscherteam um Thomas Engel und Martin Ehrlich ist seit 2016 in Betrieben der Metall- und Elektroindustrie unterwegs. Dort f?hren die Forscher Betriebsbesichtigungen, Arbeitsplatzbeobachtungen und Interviews durch. Sie sprechen mit Managern, Besch?ftigten und Betriebsr?ten in gro?en wie auch in kleinen Firmen und erhalten damit aus vielf?ltigen Perspektiven Einblicke in Entwicklungstrends und Gestaltungsformen digitaler Arbeit.
Digitalisierung in einem Automobilwerk: Arbeit mit digitaler Assistenz
Industrie 4.0 bedeutet Digitalisierung und Vernetzung. Die gesamte Wertsch?pfungskette ger?t ausgehend von den Kunden- und Marktanforderungen ins Blickfeld der Rationalisierung. Lean-Production-Prinzipien wie Ressourceneffizienz, kurze Durchlaufzeiten und geringe Lagerhaltung, die Verbindung von Produktivit?t und Flexibilit?t erhalten eine neue Schubkraft.
Das GAP Projekt konnte einen Betrieb aus der Vorreiterbranche f?r Lean Production gewinnen, eine Automobilfirma und dort die Auswirkungen von Digitalisierung auf Produktionsarbeit untersuchen. Das Automobilunternehmen hat am Standort rund 2.000 Besch?ftigte, darunter 90% mit Facharbeiterabschluss. Durch die Vernetzung der Produktion mit einer webbasierten Kundenplattform, die mehrere zehntausend Ausf?hrungsoptionen erm?glicht, wird eine extrem hohe Produktvielfalt realisiert: Nahezu ?Losgr??e 1? ohne nennenswerte Produktivit?tsverluste.
Aufgrund dieser Variantenvielfalt wird der eigentlichen Montage der Arbeitsschritt Kommissionierung im so genannten ?set-part-system? (SPS Bereich) vorgeschaltet. Dort arbeiten Mitarbeiter mit Leistungseinschr?nkungen, die nicht l?nger in der Fertig- und Endmontage eingesetzt werden k?nnen. Weil die Vorsortierung der Teile mit Hilfe von Listen zu hohen Fehlerquoten f?hrt, werden digitale Assistenzsysteme eingef?hrt. Die Besch?ftigten sortieren die Teile mit Hilfe von Handscannern, Tabletts und Datenbrillen, Pick-by-Light und Pick-by-Point Systemen. Die Digitalisierung steigert dabei nicht nur die Effizienz, sondern bringt den Besch?ftigten auch einige Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen:
- Alle Mitarbeiter betonen den Nutzen der Assistenzsysteme: Sie m?ssen nicht mehr kleinteilige Listen und vierstellige Codes eingeben. Das Wegfallen daraus resultierender Fehlerquellen sehen sie als gro?e Entlastung. Die Fehlerraten wurden mit Hilfe der Assistenzsysteme auf nahezu Null gesenkt.
- K?rperliche Belastungen wurden abgebaut und damit der Einsatz leistungsgewandelter ?lterer Mitarbeiter in dem Arbeitsbereich erm?glicht.
- Bei den Qualifikationsanforderungen f?r die Besch?ftigten handelt es sich um Einfacharbeit nach engen Taktvorgaben. Aber es gibt Verbesserungen f?r die Besch?ftigten. Sie haben Wahlm?glichkeiten bei Nutzung der Pick-Systeme: Die Mitarbeiter k?nnen diese Systeme zu- oder abschalten, je nachdem, wie eigenst?ndig sie arbeiten und optimieren wollen
- F?r Abwechslung bei den T?tigkeiten sorgt Arbeitsplatzrotation, ?ber die die Teams selbst entscheiden k?nnen.
- Zwei Baustellen der Arbeitsgestaltung sind allerdings zu nennen: Besch?ftigte berichten von gestiegenen Anforderungen an dauerhafte Konzentration. Solche Belastungen sind gerade f?r ?ltere Besch?ftigte nur sehr schwer zu bew?ltigen. Auch sind im Zuge der auf Effizienz ausgerichteten Reorganisation Spielr?ume f?r Ausgleichsbewegungen weggefallen. Mit der Einf?hrung des SPS Bereiches entf?llt f?r die Mitarbeiter an der Linie der Gang ans Regal.
Beteiligung der Besch?ftigten und ihrer Vertreter
Die aus Sicht aller betrieblichen Akteure positive Gesamtbilanz der Digitalisierungsma?nahmen ist auf Beteiligung zur?ckzuf?hren. Sie sorgt f?r einen Balance zwischen Besch?ftigteninteressen und betrieblichen Leistungszielen.
F?r die Einf?hrung digitaler Assistenz ist ein Team aus Vorgesetzten, Betriebsr?ten und Besch?ftigten zust?ndig. Erg?nzt wird dies durch Mitarbeiterbefragungen. Die Mitarbeiter haben dadurch die Gelegenheit, Sorgen aussprechen und Gestaltungsvorschl?ge zu machen.
Der Betriebsrat schaltet sich bei Arbeitszeit- und Arbeitsschutzthemen bereits in der Testphase ein. Auf dieser Grundlage werden Betriebsvereinbarungen zum Einsatz der Assistenzsysteme ausgearbeitet.
In einer Betriebsvereinbarung wurde ein f?r die Akzeptanz der Technik neuralgischer Punkt geregelt. Man fand eine L?sung, um den ?berwachungssorgen der Besch?ftigten zu begegnen: Personenspezifische Leistungsbewertungen werden ausgeschlossen. Die Besch?ftigten w?hlen sich in das System mit einem einheitlichen Login ein.
Ausf?hrliche Informationen auch aus anderen Branchen erhalten Sie in einem Fachartikel der Jenaer Forscher.